Blick zurück : Straßenbahnen auf Sylt?

Wann ist eine Straßenbahn eine Straßenbahn?
Sylter Verkehrsgesellschaft

Gewiß haben Sie Ihre eigene Antwort auf die Frage im Titel dieses Report. In unserem Falle geht es um eine meterspurige Eisenbahn auf der Nordseeinsel Sylt, die im Jahre 1957 aus betrieblichen Gründen in eine Straßenbahn umgewandelt wurde. Ursprünglich gab es auf Sylt zwei unabhängige Bahnen: die Südbahn von Westerland nach Hörnum (eröffnet 1901) und die Nordbahn von Westerland nach Kampen (eröffnet 1903), die 1908 noch bis List verlängert wurde. Erst 1917 wurden die Gleise der beiden Bahnen miteinander verbunden und Anfang der 50er Jahre wurden Sie gemeinsam verwaltet. Auf die militärischen Anschlußbahnen wollen wir hier nicht weiter eingehen, sie wurden auch nach 1945 schnell abgebaut. Nicht erwähnt und eingezeichnet ist auch die kurze ehemalige Dampfbahn von Westerland nach Munkmarsch, die mit der Eröffnung des Hindenburgdamms eingestellt wurde und somit nie Teil des Straßenbahnbetriebs auf Sylt war.

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↑ Leichttriebwagen LT4 (hier in der blauen Farbgebung) unterwegs in der Dünenlandschaft (Datum nicht bekannt)

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↑ Leichttriebwagen LT5 vor der Wagenhalle im Bw Westerland, 6.8.1966

Als der Dampfbetrieb und die damit behördlich auferlegten Betriebsabläufe immer unrentabler wurden, entschloß man sich zu dem damals (heute wäre es wohl nicht anders) ungewöhnlichen Schritt, die Bahn in eine Straßenbahn umzuwandeln. Dies geschah ausschließlich auf dem Papier, es wurde nichts umgebaut oder gar elektrifiziert. Lediglich der Güterverkehr wurde aufgegeben (ausgenommen Stückguttransport). Der wichtigste Unterschied zur Eisenbahn: eine Straßenbahn kann auf Sichtabstand fahren! Seit den 30er Jahren waren bereits einige Dieseltriebwagen im Einsatz und in den frühen 50er Jahren wurden zusätzlich 5 Leichttriebwagen (Sattelschlepp-Tw) angeschafft.

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↑ und noch einmal Leichttriebwagen LT4 in den Dünen, 1970

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↑ Bw 6 hinter LT4 im Bahnhof List, 31.8.1970 (man beachte das Straßenbahn- Haltestellenschild auf dem Bahnsteig)

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In Westerland besteht seit 1927 Anschluß an die regelspurige Staatsbahn nach Niebüll über den vom damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg eröffneten “Hindenburgdamm”. In den 60er Jahren wurden verschiedene gebrauchte VT und sogar Straßenbahnbeiwagen angeschafft.

schematisierte Streckenkarte
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Im Mai 1970 wurde die Südbahn stillgelegt und auch die Nordbahn konnte sich nur noch bis zum Dezember des gleichen Jahres halten. Sofort wurde mit dem Verkauf der Fahrzeuge begonnen und die Bahnanlagen abgebaut. Lediglich einige Bahnhofsgebäude erinnern heute an diese kleine Bahn / Straßenbahn. Die Insel ist somit um eine Attraktion ärmer. Sylt war Deutschlands nördlichste Straßenbahn, obwohl weder die Anlagen noch der Wagenpark auf eine Straßenbahn deuteten. Die Sylter Verkehrsgesellschaft betreibt heute ausschließlich Omnibusverkehr.

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↑ SVG Bus 5 am Kleinbahnhof in Westerland, 31.8.1970

Zahlreiche Wagen der Inselbahn haben bei der Selfkantbahn ein neue Heimat gefunden: www.selfkantbahn.de/fahrzeug.htm (Link aktualisiert 2021).

Hier noch einige Ansichten des Wagenparks der Sylter “Straßenbahn”:

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↑ nicht identifizierter ehemaliger Dampfbahn-Personenwagen hinter einem LT, 1970

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↑ Bw 35 (Lindner 1936, ex Herforder Kleinbahn) im Bw Westerland, 6.8.1966

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↑ Bw 40 im Bw Westerland, 31.8.1970

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↑ VT 28 im Bw Westerland, 31.8.1970

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↑ Kesselwagen A.3 und Bw 124 (Personenwagen der alten Dampfbahn) im Bw Westerland, 31.8.1970

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↑ Güterwagen A1 im Bw Westerland, 31.8.1970

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↑ Packwagen P5 im Bw Westerland, 6.8.1966