Blick zurück : Doppeldecker in China 1999

Durch Zufall sind Ihrem Webmaster einige alte Reports “über den Weg gelaufen”, die von ihm ab ca. 1999 auf der Webseite von Blickpunkt Straßenbahn veröffentlicht wurden. Sie sind dort aber schon lange nicht mehr aufrufbar. Auch wenn der Inhalt nicht mehr ganz aktuell ist, ist es doch eine gute Gelegenheit diese alten Reports hier noch einmal zu zeigen (nicht alle Reports konnten bislang gerettet werden und wir irgnorieren die ursprüngliche Reihenfolge). Wir haben den alten Report nun etwas “entrümpelt” und die Fotos auch leicht vergrößert (die ursprüngliche Auflösung ist allerdings recht klein, die Monitore waren früher einfach kleiner…). Dieser Report entstand nach einem Besuch in der Hong Kong SAR (Special Administrative Region) im April 1999. Ein besonderer Dank gilt: Allan Leech, Operations Manager HKT, und Tim Runnacles. Die Fotos stammen aus der Sammlung des Autors bzw. von Thomas E. Fischer.

 

Doppeldecker in China
Hongkong Tramways

HKT logo

 

Geschichte – Seit 1881 plante man auf der Insel Hong Kong (zu deutsch: duftender Hafen) der britischen Kronkolonie bereits eine Straßenbahn. Ursprünglich sollte sogar eine Linie zum Victoria Peak führen. Diese Strecke wurde ab 1888 dann aber als Kabelbahn in Betrieb genommen. Im Februar 1902 wurde in London die “Hong Kong Tramway Electric Company Ltd.” gegründet. Bereits Ende 1902 wurde diese Gesellschaft jedoch von der “Electric Traction Company” übernommen. Im Mai 1903 begann man mit Bau der Straßenbahn und am 30.4.1904 fuhr die erste Bahn zwischen Kennedy Town und Shau Kei Wan. Geplante Linien in Kowloon wurden leider nie genehmigt. Seit 1910 firmiert die Straßenbahngesellschaft als “Hongkong Tramways Company Limited”. Der 1928 von der HKT auf Hongkong Island und in Kowloon eingeführte Omnibusbetrieb ging 1933 an die “China Motor Bus Company” über. Während der japanischen Besetzung zwischen 1941-1945 kam der Betrieb fast gänzlich zum Erliegen. Seit 1974 gehört die HKT der “Wharf Holdings”, einer großen Industrieholdinggesellschaft, der auch die berühmte “Star Ferry” gehört.

 

image
↑ Tw 145 Schleife North Point, frühe 70er Jahre

image
↑ Tw 111 Aldrich Bay Road (Zufahrt zum Depot Sai Wan Ho), 9.4.1999

image
↑ Tw 151 Schleife Happy Valley, 7.4.1999

image
↑ Tw 22 Chater Garden, 8.1.1984

 

Betrieb – Wer heute mit der Straßenbahn fährt, muß schon sehr viel Glück haben, einen der wenigen Wagen (vor der morgendlichen HVZ) zu erwischen, der die gesamte Strecke von Kennedy Town nach Shau Kei Wan zurücklegt, dabei dann aber die schleifenförmig angelegte Stichstrecke zum Happy Valley nicht befährt. Der Verkehr wird vielmehr von folgenden Linien bewältigt: Kennedy Town – Happy Valley, Whitty Street – North Point, Western Market – Shau Kei Wan, Happy Valley – Shau Kei Wan. Östlich des Abzweigs zur der nur im Uhrzeigersinn befahrenden großen Schleife im Happy Valley verkehren einige Wagen aber auch nur bis Causeway Bay, North Point oder Sai Wan Ho. Früher führte die Strecke auf großen Teilen entlang der Uferpromenade. Da in den vergangenen Jahren die Insel aber besonders auch im Stadtgebiet von Hongkong ins Wasser hinein vergrößert wurde, ist der Blickkontakt zum Meer nun fast verschwunden. Am westlichen Ende der Strecke findet man in der Straße Kennedy Town Praya noch Oberleitungsmasten zwischen den Gleisen, ansonsten ist die Oberleitung i.d.R. an Häusern oder Laternen befestigt. Die Gleise liegen überall im Straßenplenum, werden teilweise aber vom Individualverkehr durch ÖPNV-Spuren getrennt. Die Straßenbahn fährt fast ausschließlich durch mehr oder weniger breite Straßenschluchten, die von Hochhäusern dominiert werden. Lediglich am Statue Square (Umsteigen zur Star Ferry), Victoria Park und in der Schleife Happy Valley (östliche Wong Nai Chung Road) findet man auch etwas “Grün”.

 

image
↑ Tw 141 Kennedy Town Praya, 7.4.1999

image
↑ Tw 70 Queensway, Juni 1991

 

Derzeit bezahlt man bei der HKT noch beim Aussteigen (vorn beim Fahrer). Hierzu ist der Fahrpreis (im April 1999: 2 HK$) genau passend in eine Zahlbox einzuwerfen. Rückgeld gibt es nicht! Eingestiegen wird hinten, der Einstiegsbereich ist durch zwei Drehkreuze gesichert. Schon bald will man aber den Fahrgastfluss ändern, damit die unpraktischen Drehkreuze entbehrlich werden. Dann wird schon beim Einsteigen vorn beim Fahrer bezahlt und der hintere Ausstieg durch Videokameras überwacht. Bei den Bussen in Hongkong wird übrigens generell beim Einsteigen bezahlt. Die vielen Busse, die oftmals über lange Strecken parallel zur Straßenbahn verkehren, sind i.d.R. viel teurer, dafür aber immer häufiger auch klimatisiert.

Die seit den 80er Jahren vorherrschenden Ganzreklamen werden immer seltener. Grund hierfür ist allein die schwierige Wirtschaftslage in Hongkong, die die Werbeetats vieler Firmen erheblich einschränkt. Im April 1999 waren 35 Tw wieder in der traditionellen grünen Farbgebung unterwegs (nur teilweise aufgelockert durch einige kleine Werbeflächen).

 

image
↑ Tw 79 (mit Bw 8) King’s Road, North Point, März 1971

image
↑ Tw 54 (als Fahrschulwagen) Morrison Street/Des Voeux Road West, 8.4.1999

image
↑ Tw 11 Depot Whitty Street, Mai 1989

 

Wagenpark – Der Wagenpark besteht heute aus 163 doppelstöckigen Personentriebwagen, die alle ab 1986 aus der eigenen Werkstatt neue Wagenkästen erhielten. Tw 1-27, 29-43, 45-127, 129-143, 145-163, 165-166 haben einen relativ modern anmutenden Wagenkasten, der durch die abgerundeten Fenster und den in Fahrtrichtung vorn oben auf dem Dach angebrachten Kasten für die Widerstände geprägt wird. Alle Tw sind Zweirichtungswagen, werden aber nur in Notfällen vom hinteren Fahrschalter aus gefahren. Die derzeit noch unterschiedlich breiten Treppen und fehlenden Drehkreuze auf der falschen Seite, machen im täglich Betrieb auch keinen Sinn. Es müssen dann auch erst Notzahlboxen aus dem Depot geholt werden, da die Zahlbox auf der richtigen Wagenseite fest montiert ist. Die Tw 28 und 128 sind für Stadtrundfahrten konzipiert und haben ein “historisches” Aussehen. Abgesehen von diesen beiden Fahrzeugen erhielt Tw 120 als einziger Wagen bei der Modernisierung wieder einen Wagenkasten im Stil der 50er Jahre. Die Tw 44 und Tw 144 wurden in 165 und 166 umgezeichnet. Seit 1998 gibt es auch wieder einen Arbeitswagen 200. Bis 1912 gab es keine Doppeldecker. Beiwagen waren von 1964 bis 1982 im Einsatz. Leider wurde kein Wagen aufgehoben. Die Wagenkästen werden ca. alle 12 Jahre ausgetauscht. Die ältesten Wagenkästen stammen heute von 1986 und sind somit schon am Ende ihrer Lebensdauer angelangt.

 

image
↑ Tw 28 Statue Square, 20.2.1997

image
↑ Tw 128 Depot Whitty Street, 3.4.1989

 

Wagennr. Aufbauten-Stil Anmerkung
Tw 1-27, 29-43, 45-119, 121-127, 129-143, 145-163, 165-166 80er Jahre Tw 165 = ex Tw 44, Tw 166 = ex Tw 144, Wagennr. 44, 144, 164 und 167 nicht mehr belegt *)
Tw 28 20er Jahre (Phantasie) ex Tw 119, Touristenwagen
Tw 120 50er Jahre
Tw 128 20er Jahre (Phantasie) ex Tw 59, Touristenwagen
Tw 168 2000 siehe Anmerkungen zur aktuellen Entwicklung am Ende dieses Reports
Bw 1 (Taikoo Dockyard 1964) verschrottet bis 1982
Bw 2-21 (Metal Section/Taikoo Dockyard 1965-67) verschrottet bis 1982
Bw 22 (HKT 1967) verschrottet bis 1982
ATw 200′ 50er Jahre Eindecker / verschrottet 1984
ATw 200″ 80er Jahre
*) 44 ausgesprochen klingt wie das Wort Tod in chinesisch, daher verwendet man diese Nummern neuerdings nicht mehr (ähnliches trifft auf 164 zu). 167 ausgesprochen klingt wie ein Wort, welches ein männliches Körperteil bezeichnet, so erklärt sich auch das Fehlen dieser Wagennummern.

 

image
↑ Tw 120 neue Zufahrt zum Depot Whitty Street, 29.4.1997

image
↑ Tw der Reihe 17-26 in der Nähe des Bowrington Kanals (Postkarte von 1904)

image
↑ Tw 16 Depot Whitty Street, 8.4.1999

image
↑ Tw 9 Depot Sharp Street, Mai 1988

 

Betriebshöfe – Heute hat die HKT zwei Depots. Die Werkstatt und Verwaltung befindet sich an der Whitty Street, und in Sai Wan Ho gibt es eine kleine Anlage unter einer Schnellstraße, die zum Abstellen von bis zu 56 Tw ausgelegt ist. Bis 1988 war der Betriebshof in der Sharp Street, in Mitten des Stadtviertels Causeway Bay. Es war hervorgegangen aus einer kleineren Anlage “Russell Street” in den angrenzenden Straßen Canal Road East, Matheson Street & Russell Street. Auf dem Gelände Sharp Street findet man heute den “Times Square”. Zwischen 1932 und 1951 gab es in der King’s Road, North Point, eine Abstellanlage für bis zu 30 Tw. 1950 bestand der Wagenpark aus nur 120 Tw, davon waren 90 im alten Depot Russell Street stationiert. Die Erweiterung des Wagenparks machte eine Vergrößerung des Betriebshofsgeländes unumgänglich. Das Depot Sharp Street wurde aufgegeben, da sich die Immobilie in dieser erstklassigen Innenstadtlage mit riesigem Gewinn verkaufen ließ.

Sonderfahrzeuge – Neben dem einzigen ATw 200 (der Vorgänger ATw 200 – ein Eindecker – von 1956 wurde schon vor vielen Jahren verschrottet) verfügt HKT auch über zahlreiche nicht schienengebundene Fahrzeuge für die Schienen- und Oberleitungspflege. Im Freigelände des Depots Whitty Street findet man zudem den Tw 888. Hierbei handelt es sich aber nur um einen Wagenkasten, der für Evakuierungsübungen verwendet wird. In ihm lernen die Triebwagenführer, wie man z.B. im Falle eines Feuers die Fahrgäste rechtzeitig aus dem Wagen bekommt. Früher wurde dies in einer nachgebauten Fahrerkabine eher simuliert als trainiert, die noch im Depot als Schuppen vorhanden ist. Man überlegt derzeit, ob Wagen 888 nicht mit einem Fahrgestell versehen werden sollte, um eine größere Fahrzeugreserve zu erreichen. Mit der Wagennummer 88 ist im Verwaltungstrakt ein Modell einer Fahrerkabine vorhanden, das zu Fahrschulzwecken dient und die künftigen Fahrer zudem mit der Oberleitungsanlage (insbesondere den “Luft”weichen) vertraut machen soll.

 

image
↑ ATw 200 Depot Whitty Street, 8.4.1999

image
↑ Turmwagen (6016) Des Voeux Road Central/Central MTR, 7.4.1999

image
↑ “Tw” 888 Depot Whitty Street, 8.4.1999

image
↑ “Tw” 88 Depot Whitty Street, 8.4.1999

 

Die Zukunft? – Die Zukunft der HKT scheint gesichert zu sein. Eine Einstellung würde zu einem totalen Verkehrschaos führen, da es bereits heute viel zu viele Omnibusse gibt. Da sich die Straßenbahn in Privatbesitz befindet und auch Gewinn erwirtschaftet, kann man wohl auch noch in ferner Zukunft mit Doppeldeckern auf der linken Straßenseite durch Hong Kong fahren. Mitte der 90er Jahre wurde in eigener Werkstatt ein futuristischer Wagenkasten für eine mögliche neue 4-achsige Fahrzeuggeneration angefertigt. Inzwischen wurde der Wagenkasten aber wieder verschrottet. Man hofft nun, evtl. sogar vom chinesischen Festland, einige neue moderne Fahrzeuge anzuschaffen zu können. Idealerweise wird dann ein Teil des Wagenparks mit Klimaanlage unterwegs sein, und so (wie bei den Omnibussen auch) ein erhöhtes Fahrgeld rechtfertigen. Zum Schluß sei noch darauf hingewiesen, dass die Verwaltung der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong gerade die Einführung von Trolleybussen untersucht. Hierbei sollen einige Omnibuslinien umgestellt werden.

image
↑  “mock-up” Depot Whitty Street, 29.4.1997

 

Am 24.10.2000 begann der testweise Einsatz des neuen Doppeldeck-Tw 168. Er wurde in eigener Werkstatt gefertigt, trägt aber moderne Aufbauten, die größtenteils von einem chinesischen Omnibus-Karosseriehersteller gefertigt wurden. Der Wagen erhielt auch eine neue weiß/grüne Farbgebung. Im unteren “Geschoss” gibt es jetzt keine Längsbänke mehr, man sitzt auch hier “1+2”. Drei weitere Tw sollen folgen. Einer davon wird mit einer Klimaanlage ausgestattet sein. Wenn das neue Design bei den Fahrgästen ankommt, soll der gesamte Wagenpark bis 2004 entsprechend modernisiert werden.

 

image
↑ Tw 168 Depot Whitty Street (© Tim Runnacles)