Jahrestagung 1964 am Rhein
Unsere Jahrestagung am Rhein
Die in diesem Jahre erstmalig erreichte Rekordzahl von 106 angemeldeten Teilnehmern lässt keinen Zweifel darüber, dass zum einen sich unsere Jahrestagungen einer wachsenden Beliebtheit erfreuen, und zum anderen, dass der gewählte Tagungsort — Düsseldorf — eine ganz besondere Anziehungskraft ausgeübt hat, selbst auf diejenigen Verkehrsfreunde, die das Programm zuvor nicht kannten und daher nicht wussten, dass es sich in diesem Jahre um eine ausgesprochene „Nahverkehrs-Tagung“ handeln würde.
Wie in jedem Jahre zuvor, wurde auch die diesjährige Veranstaltung durch die Mitgliederversammlung des „Verbandes deutscher Verkehrs-Amateure“ (VDVA) eingeleitet, der sich das zwanglose Beisammensein der eintreffenden Teilnehmer in einem diesmal sehr schönen Tagungslokal anschloss. Als die Wiedersehensfreude der zahlreichen zum Teil sehr weit herbeigereisten Verkehrsfreunde und der zwangsläufig damit verbundene rege Gedanken- und Materialaustausch ihren Höhepunkt erreicht hatten, erschien das Westdeutsche Fernsehen, um in fast zweistündiger Arbeit eine Reportage zustande zu bringen, zu der zahlreiche Teilnehmer interviewt und von den Aufnahmescheinwerfern bestrahlt werden mussten. Leider ist bisher nicht bekannt geworden, ob und wann die Fernseh-Übertragung eigentlich stattgefunden hat; zur vorgesehenen Sendezeit jedenfalls war sie nicht übertragen worden.
1. Tag
Bei strahlendem „Tagungswetter“ begann am Donnerstag früh die traditionelle Rundfahrt mit einem Straßenbahn-Sonderzug, bestehend aus einem Sechsachser mit vierachsigem Beiwagen, auf dem Netz der Rheinischen Bahngesellschaft, wofür unser Freund Dieter Waltking einen wirklich perfektionierten Fahrplan entworfen hatte, denn im Laufe des Tages konnten nicht weniger als 4 Depots und 2 Werkstätten „absolviert“ werden, eine wahre Fundgrube für die vielen Fotografen unter uns. Die in der Bundesrepublik einmalige Fahrleitungskreuzung Straßenbahn/Eisenbahn an der Burgmüllerstraße fand bei den Teilnehmern nicht weniger Interesse als die zur Verschrottung vorgesehenen „alten Mühlen“ oder die ex Siegener Fahrzeuge oder der noch immer nicht gestorbene Einzelgänger 1935 in der Wagenhalle Derendorf. In der Kantine der Rheinbahn-Hauptwerkstatt waren wir Mittagsgäste des weit über Düsseldorf hinaus bekannten großen Verkehrsbetriebes.
2. Tag
Es lag sehr nahe, den diesjährigen Tagungsort dazu zu nutzen, um die „Straßenbahnwagenfabrik Deutschlands“ zu besichtigen. Wir versammelten uns daher erwartungsvoll vor dem Haupteingang der Waggonfabrik Uerdingen, Werk Düsseldorf (DUWAG), und wurden von einem leitenden Herrn des Werkes sehr herzlich empfangen.
Als bereits in seiner Ansprache durchklang, dass wir „volle Bewegungsfreiheit“ im Werk hätten und „so viel fotografieren könnten, wie wir wollten“, erhob sich ein Jubel der Begeisterung. Man könnte fast sagen, dass nach dieser verheißungsvollen Begrüßung die DUWAG „gestürmt“ worden wäre. Nun, sie wurde zwar nicht im wahrsten Sinne des Wortes gestürmt, aber die gut gemeinte Formierung in mehrere zu führende Gruppen zerfloss alsbald, sodass sich die etwa 100 Straßenbahn-Enthusiasten (hier muss man dieses Wort gebrauchen) zwanglos auf das ganze Werk und sämtliche Hallen verteilten.
Doch es hatte sich gelohnt, denn was hier an Neubaugerippen, halbfertigen Fahrzeugen, Umbau-Einheiten und kurz vor der Entlassung stehenden nagelneuen Wagen ausgemacht werden konnte, übertraf wohl die Vorstellung aller Teilnehmer – …wurde notiert, kombiniert, diskutiert, fotografiert, eine Orgie und zugleich eine Hymne an den Straßenbahnwagen gefeiert.
Beim festlichen Mittagessen in der Angestellten-Kantine der DUWAG war dann auch eine Hochstimmung, die in einer überdurchschnittlichen Phonzahl des Stimmengewirrs zum Ausdruck kam und noch gesteigert wurde, als zusätzlich zu dem Gebotenen noch Prospekte ausgeteilt wurden. Die Ansprache des Herrn Dipl.-Ing. Bornemann mit seinen herzlichen Anerkennungen und Loben über die Verkehrsfreunde wurde gebührend mit Beifall gelohnt, so dass sich der Tagungsleiter schliesslich mit der Definition des Wortes „DUWAG“ bedankte, die besagte „Das übertrifft wohl alles Gewesene“, woraufhin nochmals ein Trommelfeuer von Beifall anhob.
Der Nachmittag des Freitag stand den Teilnehmern zur freien Verfügung, eine in diesem Jahre erstmalig eingeführte Programm-Einteilung, die jedoch allseitig als dankbar akzeptiert wurde, da es ein Nachteil der früheren Jahrestagungen gewesen ist, dass die Teilnehmer kaum einmal Gelegenheit hatten, die Spitzenverkehrs-Abwicklung am Tagungsort selbst zu studieren, wovon nun diesmal ausgiebig Gebrauch gemacht werden konnte. Allerdings fanden auch Exkursionen einzelner Teilnehmer und Gruppen in die Nachbarstädte Neuss und Krefeld statt.
Daher trafen wir uns erst wieder am Abend zu Filmvorführungen und Kurzvorträgen, die dank eines Entgegenkommens der Deutschen Bundesbahn im Unterrichtsraum des Düsseldorfer Hauptbahnhofs durchgeführt werden konnten. Es wurden zunächst 3 aktuelle und interessante Bundesbahnfilme gezeigt, denen mehrere VDVA-Dokumentarstreifen von vergangenen Jahrestagungen folgten. Diese sowie einige andere von den Hamburger Verkehrsamateuren vorgeführte Filme über Exkursionen fanden reichen Beifall. Zur Ergänzung des in Düsseldorf Gesehenen zeigte dann Herr Waltking unter dem Titel „Was wir bei der Rheinbahn nicht sahen“ schöne Dias von historischen Fotos des Rheinbahn-Netzes, während zum Schluss Herr Wolfgang Zeunert, Düsseldorf, zwei sehr hübsch zusammengestellte Filme von elektrischen und dampfbetriebenen Kleinbahnen vorführte. Obgleich es schon sehr spät geworden war, harrten doch die meisten Teilnehmer aus und geizten schliesslich nicht mit Beifall für den gelungenen Vortragsabend.
3. Tag
Auch in diesem Jahre stand der 3. Tagungstag – der Samstag – im Zeichen eines Ausfluges. Es lag nahe, die Nachbarstadt Duisburg hierfür auszuwählen, da neben einer genussreichen Fahrt auf der modernisierten Schnellstraßenbahn auch der grösste Binnenhafen Europas besichtigt werden konnte. Wir versammelten uns daher auf dem neuen Jan-Wellem-Platz in Düsseldorf, der wegen seiner hervorragenden verkehrstechnischen Gestaltung übrigens bei allen Tagungsteilnehmern ein uneingeschränktes Lob fand, um zu unserer eigenen Überraschung einen Duisburger Sonderzug (der gar nicht vorgesehen war) zu besteigen, der uns in zügiger Fahrt vor die Tore Duisburgs brachte, denn wir wurden an der Hauptwerkstatt Grunewald der Duisburger Verkehrsgesellschaft bereits von den leitenden Herren dieses Betriebes erwartet und willkommen geheissen.
Nach vollständiger „Durchleuchtung“ von Werkstätten und Wagenhallen brachte uns unser aus einem achtachsigen Gelenktriebwagen und einem vierachsigen Grossraum–Beiwagen bestehender Sonderzug zunächst zur Hauptverwaltung der DVG, wo wir einen Frühstücks-Imbiss erhielten und bei dieser Gelegenheit aus dem Munde eines Vorstandsmitgliedes nähere Einzelheiten über den Betrieb erfahren durften. Der Bereich „Wasserverkehr“ wurde wirklich als eine schöne Ergänzung des fast ausschließlich auf der Schiene abgewickelten Programms anerkannt.
Nach dieser Hafenrundfahrt stand unser Sonderzug schon wieder an der gleichen Stelle bereit, an der wir ihn vor zweieinhalb Stunden verlassen hatten, damit wir die Fahrt zurück nach Düsseldorf genießen konnten. Die Verkehrsbetriebe im Raum Düsseldorf–Duisburg haben sich wirklich darum bemüht, den Verkehrsamateuren in hohem Maße durch die Bereitstellung von Sonderfahrzeugen entgegenzukommen, in denen sie „unter sich“ sein konnten.
In der Teestube der Hauptbahnhofs-Gaststätte Düsseldorf fand schließlich der traditionelle Tagungsausklang statt – leider, das muss mit einem Unterton von Missfallen gesagt werden – in einer stark zusammengeschrumpften Zahl von Tagungsteilnehmern. Immerhin bedankte sich der Tagungsleiter für die Treue derjenigen, die bis zum Schluss ausgeharrt hatten, während Herr Leimbach im Namen der teilnehmenden Mitglieder herzliche Dankesworte an die Organisatoren dieser wiederum so wunderschön verlaufenen Tagung richtete.
An dieser Stelle sei auch allerherzlichster Dank ausgesprochen an die gastgebenden Verkehrs- und Industrieunternehmen, durch deren Unterstützung die Veranstaltung erst zu einem schönen Erfolg werden konnte, nämlich an:
- Rheinische Bahngesellschaft AG, Düsseldorf
- Verkehrsbetriebe Neuss
- Duisburger Verkehrsgesellschaft AG
- Waggonfabrik Uerdingen AG, Werk Düsseldorf
- Deutsche Bundesbahn für die Bereitstellung des Filmsaals und der Filme
- Stadt Duisburg für die kostenlose Hafenrundfahrt einschließlich der unermüdlichen Erklärungen eines Vertreters der Stadt
Eine kleine Merkwürdigkeit hinterließ die diesjährige Tagung allerdings: Obwohl Fernsehen, Rundfunk und zahlreiche Pressevertreter in Düsseldorf, Neuss und Duisburg sich viel Mühe gaben, Interviews zu führen, ist bisher keine einzige Publikation über unsere Tagung bekannt geworden. Es darf jedoch mit Sicherheit angenommen werden, dass solche noch erfolgen werden.
Aus dem Vereinsgeschehen:
Mitgliederversammlung
Auf der 8. Mitgliederversammlung am 5. August 1964 in Düsseldorf wurde gemäß § 7 der neue Vorstand wie folgt gewählt:
Vorsitzender: Günter Stetza, Essen
Stellv. Vorsitzender: Heinzhermann Koch, Hamburg
Weitere Vorstandsmitglieder: Theodor Alt, Stuttgart; Siegfried Münzinger, Berlin; Dieter Waltking, Düsseldorf.
Allen Mitgliedern wurden inzwischen die Unterlagen als Ergebnis der Mitgliederversammlung zugesandt. Es wird hiermit nochmals freundlichst gebeten, den Mitgliedsbeitrag von DM 5,- für das Geschäftsjahr 1964/65 bis zum 31.12.1964 auf das PS-Konto 879 52 des VDVA zu überweisen, damit spätere Mahnungen und Versäumniszuschläge vermieden werden.
Foto-Rundsendung
Auf der Mitgliederversammlung wurde beschlossen, auch in diesem Jahr wieder eine Foto-Rundsendung zu organisieren, wie beim bewährten letzten Mal: Es gelangen nicht nur tagungsgebundene Aufnahmen zum Versand, sondern auch Fotos beliebiger Art. Es hat sich gezeigt, dass gerade Bildsendungen, die nichts mit der Jahrestagung zu tun haben, besonderer Nachfrage erfreuten.Es wird gebeten, die Fotos bis zum 15. Oktober 1964 an den Herausgeber einzusenden und für gute Verpackung Sorge zu tragen, da die Sendung bis zu 25-mal verschickt wird und daher widerstandsfähig sein muss.
Filmverleih
Bei einer Umfrage auf der letzten Mitgliederversammlung hat sich gezeigt, dass die Möglichkeit, sich die VDVA-Dokumentarfilme von verschiedenen Jahrestagungen auszuleihen, viel zu wenig bekannt ist. Es handelt sich um 8-mm-Kurzfilme mit einer Spieldauer von jeweils ca. 15–20 Minuten. Die Leihgebühr ist bewusst gering angesetzt worden, damit die einzelnen Ortsgruppen von diesem Filmverleih Gebrauch machen können. Die Zentrale befindet sich bei den Hamburger Verkehrsamateuren: Herr Heinzhermann Koch, 2 Hamburg-Wandsbek, Rodigallee 17 C, nimmt gern Anträge entgegen und erteilt Auskünfte.
Die Absage
Die Tatsache, dass in der letzten mit einer Neuwahl des Vorstandes verbundenen Mitgliederversammlung unseres Verbandes ein einstimmig gewähltes und sehr honoriges Mitglied seine Kandidatur absagen musste, weil er diese mit seiner beruflichen Position in einem öffentlichen Verkehrsbetrieb nicht in Einklang zu bringen vermochte, hat uns einmal wieder deutlich vor Augen geführt, welche Stellung wir Amateure im Rahmen des Sektors „Verkehr“, dem wir ja alle mit ganzem Herzen dienen zu sollen vermeinen, einnehmen. Dieser Vorgang sollte doch nachdenklich stimmen, zumal wir in ihm einen krassen Widerspruch erblicken zu können glauben im Vergleich zu der so überaus herzlichen Aufnahme, die wir sowohl anlässlich unserer grossen Jahrestagungen als auch auf seiten der örtlichen Amateurgruppen immer wieder spüren dürfen.
Die Ursache zu diesem Bedürfnis nach Distanz auf seiten der sonst immer so aufgeschlossenen Verkehrsunternehmen dürfte dennoch nicht allzu schwer zu finden sein. Auf dem Abschluss-Zusammensein der Tagungsteilnehmer in Düsseldorf brachte ein Verkehrsfreund in seinen Dankesworten bereits richtig zum Ausdruck, dass sich in jeder Gemeinschaft – das ist auf allen Lebensgebieten so – immer Aussenseiter (oder „Individualisten“) finden, die durch ihr überselbstbewusstes und überhebliches Auftreten, sei es in persönlicher Art oder in Form von Vorschlägen für betriebliche Verbesserungen oder auch in Gestalt äusserst unbescheidener Bitt- und Fragebriefe, die mitunter den Charakter von Forderungen haben, Missfallen und Enttäuschung bei den Verkehrsunternehmungen hervorrufen, und nach dem bekannten Drang der Menschen nach Verallgemeinerung kommt dadurch nur allzu leicht die ganze Gemeinschaft in Misskredit. Wir sollten uns also immer vor Augen halten, dass wir stets die Nehmenden sind und uns daher einer angemessenen Bescheidenheit und Zurückhaltung befleissigen sollten, denn nur diese Eigenschaften öffnen uns die Tore zu jenen Anlagen, die wir doch so gern besichtigen. Denken wir auch bei unseren gewiss gutgemeinten „Vorschlägen“ stets daran, dass wir es bei unseren professionellen Partnern keineswegs mit Dummköpfen oder Schlafmützen zu tun haben, und fragen wir uns zunächst immer erst, warum das so ist und nicht so, wie wir es nun einmal für besser befinden.
So sollte die bedauerliche Absage an „uns“ als ein Signal angesehen werden, uns auf uns selbst und unsere Berufung zu besinnen. Man erreicht nämlich mehr im Leben, wenn man einen Gemeinschaftssinn entwickelt. Das schon haben wohl die Erfolge unserer alljährlichen Tagungen gezeigt.
