Jahrestagung 1959 Saarland

Unsere Jahrestagung im heimgekehrten Saarland – Diese Heimkehr ist natürlich wirtschaftlich zu verstehen, denn niemals zuvor hatte es eine Zeit gegeben, in der das Saarland nicht ein rein deutsches Land gewesen wäre. Aber gerade diese wirtschaftliche Heimkehr gab unserer Jahrestagung insofern ein besonderes Gepräge, als die 62 Verkehrsfreunde aus dem In- und Auslande Gelegenheit hatten, die Auswirkungen des knapp vier Wochen vorangegangenen “[1]Tages X” in vielfältiger und interessanter Variation mitzuerleben. Wenn auch durch diese besonderen Verhältnisse z. T. beträchtliche Schwierigkeiten in der Organisation und Unterbringung (den Verkehrsfreunden sei an dieser Stelle für ihre Nachsicht nochmals herzlich gedankt) eingetreten waren, an die zu den übrigen Jahrestagungen überhaupt nicht gedacht zu werden brauchte, so hatte sich dennoch die Wahl des Tagungsortes eben wegen dieser zeitbedingten Besonderheit als glücklich und wertvoll gezeigt.

Den vollen Ausgleich für die angedeuteten Schwierigkeiten, die mit der unmittelbar überstandenen wirtschaftlichen Rückgliederung des Saarlandes zusammenhingen, schufen allerdings die Verkehrsbetriebe in Form einer Gastfreundschaft, wie wir sie selten in dieser herzlichen und zuvorkommenden Weise erleben durften. Daher sei an dieser Stelle der Gesellschaft für Straßenbahnen im Saartal AG, der Neunkircher Straßenbahn, den Stadtwerken Völklingen, den Kreisverkehrsbetrieben Saarlouis sowie der Deutschen Bundesbahn, BD Saarbrücken, noch einmal aus ganzem Herzen Dank gesagt für die wundervollen erlebnisreichen Tage, in denen die immer wissens- und sehenshungrigen Verkehrs-Amateure von Höhepunkt zu Höhepunkt geführt wurden.

Tag 1 – 6. August 1959

Es herrschte wieder traditionelles “Tagungswetter” und ebenso traditionell verlief der erste Tag als “Straßenbahntag” in Form von Besichtigungen und Rundfahrten sowohl auf dem Netz der Gesellschaft für Straßenbahnen im Saartal als auch auf jenem der Neunkircher Straßenbahn. Die Auslöser der Fotoapparate kamen nicht zur Ruhe, denn “dank” (muss man in diesem Falle ausnahmsweise sagen) der wirtschaftlichen Vernachlässigung des Saarlandes während des letzten Jahrzehnts wimmelte es in den Depots und auf den Abstellflächen nur so von Typen aller Jahrgänge, und die Wagenpark-Statistiker hatten alle Hände voll zu tun, um die Fahrzeugbestände “abzuhaken” und die neuesten Meldungen zu formulieren. Nebenbei kamen selbstverständlich Technik und Landschaft nicht zu kurz, denn auf den Rundfahrten mit unseren Sonderwagen lernten wir zahlreiche Vorgänge kennen, die es eben nur in Saarbrücken gibt und deshalb verdienten, im Bilde festgehalten zu werden, so z. B. der aufregende vierspurige Einbahnverkehr in der Bahnhofstraße, gegen den die Straßenbahn mit Erfolg ankämpft, die Streckenführung einer Straßenbahnlinie durch ein abgeschlossenes Hüttenwerksgelände (und ein paar km weiter um einen idyllischen dörflichen Misthaufen herum), die Endstationen in ländlich beschaulichen Winkeln, und vieles andere mehr machten unsere Sonderfahrt zu einem sehr reizvollen Erlebnis.

In Neunkirchen war die Befahrung der fast schon “sagenumwobenen” Steilstrecke ein besonderer Clou, bei dem fast die überraschende Nachricht von der bevorstehenden Umstellung auf Scherenstromabnehmerbetrieb ihre Wirkung einbüßte. Beide Verkehrsbetriebe bewirteten uns königlich und bestätigten uns erneut, dass wir Verkehrs-Amateure ein Völkchen sind, mit dem man sich gern unterhält, weil die Fachleute ihre helle Freude an unserem Idealismus und an unserer Liebe zu ihrem Verkehrsbetrieb haben. Dieser herrliche erste Tagungstag schloss mit einer eindrucksvollen Omnibus-Rückfahrt von Neunkirchen nach Saarbrücken über die bewaldeten Höhen des nördlichen Saarlandes mit einem unvergesslichen Blick auf das Panorama des von grell leuchtenden Hochöfen beherrschten, im Talkessel liegenden Neunkirchen.

Tag 2 – 7. August 1959

Der traditionelle “Eisenbahntag” – begann zunächst mit einem Programm für die “Frühaufsteher”, denn es galt, bereits um 6.45 Uhr zur Stelle zu sein, um einen modernen Triebwagenzug der S.N.C.F. zu besichtigen, da dieser bereits kurz nach 8 Uhr fahrplanmäßig Saarbrücken verlassen musste und dann nicht mehr für eine Besichtigung zur Verfügung stand. Die Frühaufsteher haben aber ihre kurze Nachtruhe keinesfalls bereut, denn es gab im Bereich des BW außer dem S.N.C.F. Triebzug so viel “nebenher” zu sehen, dass sie den “Langschläfern”, die sich gegen 8 Uhr einfanden, mit Recht lange Nasen schneiden konnten.

Der Vormittag galt einer ausgedehnten Studienrundfahrt mit zwei Straßenbussen der BD Saarbrücken, in deren Verlauf Zoll und Grenzabfertigungen, Baustellen, Planungsvorgänge und zuletzt der Verschiebebahnhof besucht wurden, wo besonders die Lokfreunde angesichts mehrerer Lok-Raritäten wahre Foto-Orgien feiern konnten. Der Nachmittag verlief dann etwas ruhiger er war mit der Vorführung von Bundesbahn-Dokumentarfilmen, einem Farbfilm-Vortrag über die Umspurung der Albtalbahn Karlsruhe (von einem Tagungsteilnehmer dankenswerterweise mitgebracht) sowie einem Lichtbildervortrag von Verkehrsfreund Dr. Dillmann über die Entwicklung moderner Straßenbahnfahrzeuge ausgefüllt. Der Abend stand den Verkehrs-Amateuren zur freien Verfügung, die besonders an diesem Tage von ihren Freifahr-Ausweisen ergiebigsten Gebrauch gemacht haben.

Tag 3 – 8. August 1959

Auch am letzten Tage erstrahlte die Sonne über dem Saarland und ließ einen nicht weniger erlebnisreichen Tag erhoffen. In Luisenthal, der Übergangsstelle vom Saarbrücker zum Völklinger Verkehrsnetz, wurden wir von zwei Völklinger Omnibussen erwartet und sogleich zum Depot gebracht, wo im Hinblick auf die erst wenige Monate zurückliegende Stillegung der Straßenbahn der gesamte Wagenpark auf dem Friedhof “aufgebahrt” zur beginnenden Verschrottung aufgestellt worden war. Man hatte uns schon richtig eingeschätzt und, als von dem sehr freundlichen und verständnisvollen Betriebsleiter das Signal zum Verschrottungsbeginn des Straßenbahn-Wagenparks gegeben wurde, gab es keine Hemmungen mehr, es war eine “Entfesselung” angebrochen, wie sie ein Verkehrsbetrieb in dieser Form wohl noch nie erlebt hatte. Unvergesslich die Situation, als ein Verkehrs-Amateur zusammen mit einem Werkstatt-Angehörigen einen großen, schweren Werkzeugkasten herbei und über die Straße schleppte, um die Demontage so schnell und rationell durchführen zu können, denn die Zeit drängte, weil programmmäßig eine Obus-Sonderfahrt mit anschließendem Frühstück stattfinden sollte. Auf dieser Sonderfahrt lernten wir dann viele interessante technische und betriebliche Einzelheiten des Völklinger Netzes kennen, wobei auch eine kurze Stippvisite über die französische Grenze zum Forbacher Netz eingeschlossen war. Nach dem wirklich nett arrangierten Frühstück, während dessen “jede Menge Fahrscheine” und andere Kostbarkeiten (z. B. überzählige Kopfbedeckungen) ausgegeben wurden, erfolgte die Weiterfahrt unmittelbar nach Saarlouis, wo zu unserem Empfang am Kleinen Markt “Staat, Partei und Wehrmacht” angetreten war ein wirklich festlicher und erhebender Akt. Schon wieder mussten wir essen, denn die Kreisverkehrsbetriebe Saarlouis wollten den anderen saarländischen Unternehmen auch in dieser Hinsicht nicht nachstehen. Als Krönung dieses Tages und wohl auch der Jahrestagung überhaupt folgte dann eine Sonderfahrt mit zwei dreiachsigen Straßenbahnwagen ex Limburg (Holland) auf der Linie 9 nach Creutzwald in Frankreich. Für Kleinbahnfreunde bot diese Fahrt “alles, was das Herz begehrt”, und ein Verkehrsfreund hat es sich nicht nehmen lassen, die Wagenfußbodenklappe während der Fahrt hochzuheben, damit das “tack-tack-tack” der Schienenstöße noch besser zu hören war. Auch landschaftlich betrachtet, war die Fahrt ein wundervolles Erlebnis und geradezu ein Anreiz, Farbaufnahmen zu machen. Dass die Stimmung die allerbeste war und in beiden Wagen echter Frohsinn herrschte, zumal an der Fahrkurbel sich jedermann nach Belieben austoben konnte, braucht angesichts der Situation nicht besonders hervorgehoben zu werden. Wieder in Saarlouis angekommen wurde schließlich das Depot mitsamt des benachbarten “Friedhofes” mit einer Fülle auszumusternder Wagen durchgekämmt und auch hier die Wagenlisten der Statistiker verglichen und ergänzt. So betrachtet, stand freilich dieser dritte Tagungstag unter dem Zeichen des “Schrottes”, denn man sagte uns ein Wermutstropfen, dass auch die Tage, Wochen oder Monate für den Schienenverkehr in Saarlouis gezählt sein werden.

Mit Sonder-Omnibussen wurden wir nach Saarbrücken zurückgebracht, wo in der üblichen Weise der zwanglose Ausklang unserer wieder gut und harmonisch verlaufenen Jahrestagung begangen wurde, und wo noch viele Stunden lang in lustiger und gelöster Weise über das Erlebte und Gesehene diskutiert wurde.

Zum Schluss sei als Antwort auf verschiedene Anfragen mitgeteilt, dass als nächste Orte unserer Jahrestagungen unverbindlich folgende Absichten vorliegen:

  • 1960 Braunschweig
  • 1961 Nürnberg
  • 1962 Kiel
  • 1963 Frankfurt am Main
  • 1964 Ruhrgebiet
  • 1965 München (Deutsche Verkehrs-Ausstellung)

Fotos

Holger Blaul hat uns freundlicherweise einige Fotos von Hansgünter Trobisch zur Verfügung gestellt, die während unserer Tagung 1959 enstanden sind.  Diese Tagung führte nach Saarbrücken, Völklingen und Saarlouis. Scheinbar sind nur Fotos aus Saarbrücken vorhanden. H. Trobisch hat keine Aufnahmedetails notiert, vielleicht erkennt jemand die einzelnen Aufnahmeorte.

  • Saarbrücken


↑ Betriebshof (?)

↑ Betriebshof (?)

↑ Betriebshof (?)

↑ Betriebshof (?)

↑ Betriebshof (?)

↑ Betriebshof (?)

↑ Betriebshof (?)

↑ (Aufnahmeort nicht bekannt)

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