Jahrestagung 1956 Stuttgart

Bericht von der Jahrestagung 1956 – Standen schon die Tagungen der vergangenen Jahre stets im Zeichen einer steigenden Teilnehmerzahl, so erfuhr die diesjährige Veranstaltung einen derartigen „Sprung“ nach oben, dass beinahe die organisatorischen Vorbereitungen über den Haufen geworfen wurden, denn es war mit etwa 60–70 Teilnehmern gerechnet worden – und dann wurden es 100! Wie schön, dass dennoch alles am Schnürchen abgelaufen ist. Auch in diesem Jahr war der Tagung ein kleines Zusammentreffen interessierter Teilnehmer bei den Verkehrsbetrieben in Karlsruhe vorausgegangen, wo Betriebsanlagen besichtigt und mit einem modernen Großraumwagen eine Sonderfahrt unternommen wurde. Die von Verkehrsfreund Kampfhenkel betreuten Interessenten dieser Vortagung kamen daher schon etwas „inspiriert“ in Stuttgart an.

1. Tag (9. August 1956)

Am frühen Morgen des ersten Tages versammelte sich die große Gemeinschaft bei herrlichstem Sonnenschein – es herrschte auch diesmal wieder „Tagungswetter“ – an der Straßenbahnschleife neben dem Stuttgarter Hauptbahnhof, um mit dem neuesten sechsachsigen Gelenkwagen die erste Etappe der großen Straßenbahnrundfahrt zu beginnen. Es war eine wundervolle Fahrt über die Neue Weinsteige hinauf bis nach Möhringen, wo nicht nur umgestiegen, sondern auch die sehr interessanten Gleis- und Depotanlagen sowie die in ihrer Typenvielfalt geradezu „herausfordernden“ Filderbahnwagen eingehend untersucht wurden. Der Sonderzug der Linie „VA“ (= Verkehrs-Amateure), die nur am 9. und 11. August 1956 verkehrte, fuhr in Gestalt eines modernsten zweiachsigen Trieb- und Beiwagens – das war nun „unser Zug“ für den ganzen Tag! Es ging immer bergauf und bergab, und die Verkehrsfreunde genossen dankbar das Panorama einer landschaftlich einzigartig schönen Stadt. Ganz nebenbei wurde die Seilbahn zum Waldfriedhof benutzt und besichtigt, das alte zweistöckige Depot am Marienplatz mit seiner abenteuerlichen Drehscheibe (fast wie in Celle) aufgesucht. Beim Mittagessen in der Hauptwerkstätte Ostheim wurden die Teilnehmer von Herrn Professor Bockemühl von den Stuttgarter Straßenbahnen herzlich begrüßt, der sich besonders über die große Zahl der nach Stuttgart gekommenen Verkehrsfreunde freute. Der Nachmittag war mit einer Fahrt zum neuen Fernsehturm in Degerloch gewürzt, von dessen Höhe man einen herrlichen Weitblick auf Stadt und Umgebung hatte, während der Abend im Höhenpark Killesberg zur freien Verfügung stand, wo Gelegenheit bestand, sowohl Sessel- als auch Liliputbahn zu fahren.

2. Tag (10. August 1956)

Dieser Tag galt der Eisenbahn, und man darf ohne Übertreibung sagen, dass sich die Bundesbahndirektion Stuttgart mit großem Engagement darum verdient gemacht hat, den Teilnehmern ein bleibendes Erlebnis zu bereiten. Der Tag begann mit Besichtigungen der Betriebsanlagen im Stuttgarter Hauptbahnhof und des Ausbesserungswerks Cannstatt, mit hochinteressanten Fachvorträgen und einem Rundgang durch die ausgedehnten Hallen und Werkstätten. Nach einem gemeinsamen Mittagessen in der Kantine – das viel zu bescheiden als „Imbiss“ bezeichnet worden war – starteten wir mit einem Schienenbus nebst Anhänger zu einer Fahrt zur Schwäbischen Alb, um die berühmte Zahnradstrecke Honau–Lichtenstein kennenzulernen. Die Stimmung war – wie das Tagungswetter – hervorragend, und jeder empfand diese schöne Fahrt als ein beglückendes Erlebnis. In Honau angekommen, wurde das Ereignis genossen, von einer Zahnradlok 97 502 die Steilstrecke nach Lichtenstein hinaufgeschoben zu werden. Dort war eine längere Kaffeepause eingelegt, während der die Teilnehmer Gelegenheit hatten, die Besonderheiten der Strecke zu studieren. Das „Bonbon“ auf der Rückfahrt hieß Reutlinger Straßenbahn. Als der Bundesbahnhof Reutlingen-Süd erreicht war, bot sich ein ungewöhnliches Bild: 100 begeisterte Verkehrsfreunde mit Fotoapparaten „stürzten“ sich auf den bereitgestellten Sonderzug – bestehend aus einem modernen Trieb- und Beiwagen gleichen Typs wie in Stuttgart. Die Fahrt führte zum Betriebshof Eningen, der gründlich „durchgekämmt“ wurde. Die Herkunft des ominösen Beiwagens Nr. 15 blieb jedoch ungeklärt, da selbst die Betriebsleitung keine Auskunft geben konnte. Zur Rückfahrt nach Reutlingen wählte man einen älteren Zug aus einem alten Triebwagen und zwei ehemaligen Dampf-Bahn-Beiwagen. Mit dem Schienenbus ging es dann zurück nach Stuttgart – erfüllt von Eindrücken und neuen Bekanntschaften.

3. Tag (11. August 1956)

Der traditionelle Besuch einer Waggonfabrik führte uns diesmal zur Maschinenfabrik Esslingen, wo die Teilnehmer zahlreiche für den Export bestimmte Fahrzeuge besichtigen konnten.
Anschließend stand am Bahnhof Obertürkheim wieder unsere Linie „VA“ bereit, um uns rasch zum Marienplatz zu bringen, damit auch die Anlagen der Zahnradbahn ausgiebig besichtigt werden konnten. Mit einem Zahnradbahnwagen fuhren wir hinauf nach Degerloch, um dort in einen bereitstehenden, aus vierachsigen Trieb- und Beiwagen zusammengestellten Filderbahn-Sonderzug umzusteigen, der uns nach Echterdingen zum Flughafen brachte. Die Flughafenbesichtigung war kurz, aber sehr interessant – eine großzügig ausgebaute Anlage, „auf Zuwachs“ berechnet. Von dort nahmen uns bereitgestellte Sonder-Omnibusse nach Neuhausen mit, wo im „Ochsen“ ein erstklassiges Mittagessen auf uns wartete. Herr Betriebsleiter Krinn der Straßenbahn Esslingen–Nellingen–Denkendorf (END) begrüßte uns herzlich. Als Intermezzo schenkte der Schweizer Verkehrsfreund Joachim de Rodle eine köstliche „Imitation von Verkehrsgeräuschen“, die allgemein große Heiterkeit auslöste. Das END-Depot in Nellingen wurde gründlich besichtigt; der ehemalige Salonwagen Nr. 20 kam dabei für Versuchsfahrten unermüdlich zum Einsatz. In Esslingen ging es anschließend mit einem Sonder-Obus zum Depot der Esslinger Verkehrsbetriebe, wo Herr Betriebsleiter Prescher über Entwicklung und Probleme dieses kleinen Unternehmens informierte. Den Abschluss bildete ein gemütlicher Abend bei „Schwäbischem Vesper“ und einem Glas Neckarhaldewein im Jägerhaus. Dort erreichte die Tagungsstimmung ihren Höhepunkt – voller Begeisterung und Dankbarkeit über drei erlebnisreiche Tage.

So wurde auch die 7. Jahrestagung der deutschen Verkehrs-Amateure wieder zu einem großen Erfolg und bleibenden Erlebnis. Den Betrieben, die in Gastfreundschaft und Auskunftsbereitschaft hervortraten – den Stuttgarter Straßenbahnen, der Deutschen Bundesbahn (BD Stuttgart), der Maschinenfabrik Esslingen, der Reutlinger Straßenbahn, der Straßenbahn Esslingen–Nellingen–Denkendorf sowie den Esslinger Verkehrsbetrieben – sei auch an dieser Stelle nochmals herzlich gedankt.

Fotos

Holger Blaul präsentiert uns einige Stuttgarter Aufnahmen von Hansgünter Trobisch.

  • Stuttgart


↑ Degerloch (Bergstation)

↑ Degerloch (Bergstation)

↑ Silberburgstraße (Dreieck)

↑ Möhringen

↑ Ruhbank (?)

↑ Silberburgstraße/Schloßstraße

↑ Ruhbank (vermutlich)

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